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Geschlecht: behindert - Besonderes Merkmal: perspektivlos...??? Bericht zum OI-Jugendwochenende 2004 in Nürnberg, 15.10.04 - 17.10.04 Catharina Sattler, Ingwer Andersen, Marit Hamer

Artikel erschienen im Durchbruch 01 / 2005

"Geschlecht: behindert - Besonderes Merkmal: perspektivlos...???"
...so lautete das Thema des diesjährigen Jugendwochenendes.

Stellt sich die Frage, ob alle Angereisten perspektivlos waren, ob sie ihre Perspektive mit anderen teilen wollten oder ob sie vielleicht auf neue Perspektiven hofften. Oder waren sie einfach nur vom letzten Satz des Ausschreibungstextes angezogen worden? Jede Menge Spaß wurde dort versprochen.
Drei Tage, um auf diese Fragen die unterschiedlichsten Antworten zu erhalten.

Aus Ingwers Perspektive sah der Freitagabend wie folgt aus:

Gruppenfoto in der Nürnberger Innenstadt

Freitag abend 19.30 kam ich, geknautscht von viereinhalb Stunden Zugfahrt in Nürnberg an und wurde direkt zum Chinarestaurant begleitet, wo die Meute schon seit einer halben Stunde beim Festmahl saß: Suppe, Salat, Frühlingsrolle, ein riesiges Hauptgericht.
Nach dem Essen ging es dann kurz zurück zum Hotel, ich mußte meine Sachen noch hinbringen und ein paar Leute wollten sich frisch machen. Das ging recht fix und schon ging es weiter zu einer netten kleinen Bar. Ein Bier und einen Cocktail später gab es dann auch schon die ersten Ermüdungserscheinungen..... OK es war auch schon spät und was soll man auch von der "Alten Riege" erwarten. Hehe. Da die Bar bald schließen wollte, mußten wir eh weiterziehen. Die Nacht war ja noch jung.
Karaokebar war angesagt, ein Taxi war auch schon bestellt. Mit zwei Rollstühlen und vier Mann sind wir fix in ein Taxi und dann hieß es nur noch: "Auf, auf ins Nürnberger Nachtleben!". Keine Ahnung wo wir hingefahren sind, irgendwo Nürnberg City schätze ich halt, kenne mich da aber nicht so aus. Leider war in der Karaokebar "Loop" die Gothic Veranstaltung "Kinder der Nacht" angesagt. (Gothic = Leute die nur schwarze Klamotten und viel Silberschmuck tragen und obendrein noch weiß gepudert sind). Eigentlich wäre das die beste Möglichkeit des Abends gewesen, leider waren wir nicht passend gekleidet. Also ging es weiter zur nächsten Anlage. Eine vielversprechende Disco. Nachdem Ina uns vier den Eintritt erschnorrt hatte, waren wir in einer recht dubiosen Disco gewesen. Hatten eigentlich Glück, dass von dem enormen Bass keine Brustbeine und Rippen gebrochen worden sind. Komische Typen wackelten recht "interessant" auf der Bühne rum. Ich glaube, dass die so was "tanzen" nennen, naja jedem das seine. Nachdem wir ja keinen Eintritt bezahlt hatten, hielten wir es für angebracht zumindest ein Getränk zu bestellen, also Kurze und Bier her... und raus.

Daniela, Catharina und Markus beim Plausch in der Hotelhalle

Danach stellte sich die Frage: "Wohin?" Nach dem Abchecken der nächsten Disco - Rockanlage aber leider zu laut - und einem Telefonat, wußte Ina wo es hingehen sollte. Taxi her und los. Keine Ahnung wo wir nun wieder hingefahren sind. Sah nach einer Fußgängerzone aus. Die Bar die wir anstrebten, war leider voll. Shit happens! Aber zum Glück kannte Ina die Bar gegenüber: eine Schwulen-Bar. Egal, rein da. War eigentlich genau das, was wir suchten. Nette Bar, gute aber nicht zu laute Musik und gutes Bier. Müssen Stefan und ich uns nun irgendwelche Gedanken machen? Hoffentlich nicht. Leider hat der Laden um 3 Uhr Nachts dichtgemacht, kann man nun nicht ändern; also raus, Taxi bestellt ab zu einer Tanke, Alk gebunkert, zurück zum Hotel und ab auf ein Zimmer. Nach einiger Zeit mußte da wer rauchen: Ina die Nikotinsüchtige. So mußten Ina und ich dann in die Hotel Lobby. Dort trafen wir dann noch einen Polen der Urlaub machte. Wir redeten in einer Mischung aus Englisch-Deutsch-Polnisch über Gott und die Welt. Kurz nach 5 Uhr gingen wir alle aber dann doch in unsere Zimmer, da wir ja noch eineinhalb anstrengende Tage vor uns hatten.

Am Samstagvormittag wurde aus den vielen kleinen Gesprächen vom Vorabend ein gezielter Erfahrungsaustausch.
In wieweit fühle ich mich in meiner Berufswahl eingeschränkt, weil ich OI habe?
Erfahrungen aus dem Studium, von der Arbeitsstelle, den Einschränkungen und den Eigenständigkeiten wurden ausgetauscht.
Einblicke in den Alltag zeigten, dass es sehr unterschiedliche Lösungen für die Berufswahl gibt, dass Kompromisse ab und zu nötig sind und dass eine positive Perspektive Zufriedenheit schafft. Eine Meinung war: "Ich schaue nicht darauf was ich alles nicht machen kann, sondern darauf, dass ich eine Arbeit habe, die ich völlig selbständig erfüllen kann."
Das Gefühl in der Auswahl und Ausübung des Berufs behindert zu sein, hängt sehr oft mit äußeren Bedingungen zusammen. Voraussetzungen wie Barrierefreiheit und Flexibilität von Ausbildern, Dozenten und Arbeitgebern stellen sich immer wieder als Hindernis dar. Wie sich zeigte, ist es möglich diese zu überwinden, jedoch nicht ganz ohne ein Gefühl der Ausgrenzung zu hinterlassen. Mit etwas Erfindungsreichtum und geeigneten Hilfsmitteln (wie z.B. spezielle Aktenschränke, E-Rolli, Treppenlift etc.) können nicht nur die äußeren Barrieren, sondern auch Grenzen in den Köpfen überwunden werden. Wichtig scheint ebenfalls zu sein, dass die jeweiligen Arbeitgeber ausreichend Informationen über OI und die individuellen Möglichkeiten und Einschränkungen erhalten. OI ist so individuell und selten, dass auch von Behörden nicht erwartet werden kann, dass die Sachbearbeiter ausreichend informiert sind, um geeignete Lösungen anbieten zu können.
Die Suche nach einer geeigneten Ausbildung oder Arbeitsstelle kann auch über Umwege, wie zum Beispiel eine Lehre vor dem Studium oder ein anderer Arbeitsplatz, zum Ziel führen. Diese zusätzlichen Erfahrungen wurden von einigen als eine Bereicherung empfunden.
Manchmal scheint es auch hilfreich zu sein den Blick nach Außen zu wenden, bei Anderen zu schauen und vielleicht dabei zu entdecken, dass es eine Lösung geben könnte, an die man selbst noch nicht gedacht hat. Ein E-Rolli für weitere Strecken, Assistenz für ein paar Stunden oder ein Führerschein samt umgebautem Auto können die Perspektive enorm erweitern und so den beruflichen und privaten Alltag bereichern.

Aus Catharinas Perspektive sah der Samstagnachmittag und -abend so aus:

Das Nachmittagsprogamm sollte sich dann doch eher auf Kultur ausrichten. Gesagt, getan! Wir sahen uns Nürnberg an: Den weltberühmten Hauptmarkt, den schönen Brunnen (der eigentlich ein Kirchendach ist), jede zweite Würstchen- und Lebkuchenbude. Anschließend ging es für einen Teil zum Shoppen und für den anderen in ein Café. Nur eine kleine mutige Gruppe von Stefan, Ingwer, Olga, Markus und Valentina wagten sich auf die Burg zum Albrecht-Dürer-Platz. Ich sollte aber vielleicht erwähnen, dass Nürnberg eine 955 Jahre alte Stadt ist und voll von Kopfsteinpflaster mit Gefällen von 30 Grad. Wie gesagt mutig, mutig. Zu unserem Bedauern mussten wir um 17.00 Uhr Daniela verabschieden, da sie noch arbeiten musste am Sonntag. Der Abend gestaltete sich dennoch zu einem sehr geselligen, lustigen Abend beim Italiener im Cinecitta Multiplexkino. Wie sollte es auch anders sein, der Tatendrang meldete sich gleich nach dem Essen.

Jana und Markus im IMAX

Ab ins MAD (Maximale Adrenalin Dosis). Das ist ein Simulationskino in dem man auf den Sitzen herumgeschleudert wird. Sehr lustig, aber kurz. Natürlich durfte ein Besuch in Europas größtem IMAX-Kino nicht fehlen: die Leinwand ist 7 Stockwerke hoch und so breit wie 3 Tennisfelder. Wir sahen uns den 3D Film "Haunted Castle an", der leider alles andere als gruselig war. Aber bei solchen Filmen kommt es auf die Effekte an und nicht auf die anspruchsvolle Story. Wie sollte es auch anders sein, ging es für uns danach noch in eine stylische Cocktailbar namens Loom. Um 2 Uhr beendeten wir den Abend in der Innenstadt und widmeten uns einer alten Rockkneipe neben unserem Hotel. Das "Brown Sugar" ist voll von interessanten und betrunkenen Leuten. Und endlich hatte auch Ingwer eine Bar gefunden, in der seine Art von Musik gespielt wird.
04.00 Uhr ab nach Hause? Von wegen, wir unterhielten uns noch bis 06.30Uhr im Foyer. Diesmal sogar über wirklich wichtige Dinge.

Ein Besuch im MAD konnte nicht alle vom Italiener weglocken. Die kleinere Runde machte es sich gemütlich und lies den Gesprächen freien Lauf. Über ganz Persönliches, Alltägliches und Lustiges.
Die entspannte und fröhliche Atmosphäre gab Gelegenheit das Gespräch vom Vormittag zu vertiefen und die unterschiedlichen Sicht- und Lebensweisen der Anderen kennen zu lernen. Spannend, denn wie sich immer wieder herausstellte sind die Voraussetzungen und Wünsche sehr unterschiedlich, ebenso die Möglichkeiten der Verwirklichung. Trotzdem gab es an zentralen Punkten (wie zum Beispiel die OI, der Rolli etc.) Gemeinsamkeiten aber auch völlig Neues, das den Blick erweitern oder zumindest eine neue Anregung sein konnte.

Der Sonntag und das Resümee aus Catharinas Perspektive:

Am Morgen hielten wir noch eine Schlussbesprechung in der wir nochmals bekräftigten, dass das nächste OI- Jugendwochenende in Stefans Hometown Hamburg stattfinden sollte. Kritik gab es am Wochenende nicht, worüber wir alle sehr froh waren. Dann kam der Augenblick des Verabschiedens, doch dieses Mal ohne Tränen denn wir wussten: We will be back!

Catharinas persönliches Resümee:

  1. OI-ler schieben grundsätzlich 2-4-mal die Stühle und Tische um, bis sie zufrieden sind.
  2. Franken ist doch nicht unfreundlich.
  3. OI-ler können gut abgehen und feiern.
  4. Das Wochenende würde ich in meinem Terminplaner nicht missen wollen.

Wie war das nun mit der Perspektive und dem Spaß?

Das Gefühl sich entspannt und komplikationslos für ein paar Tage unter Gleichen zu bewegen, nicht der oder die Einzige mit einem sichtbaren Handicap zu sein, sondern in einer Gruppe aufzutreten, in der die OI Normalität ist, hat den Spaßfaktor für alle deutlich erhöht.
Das Erlebte und Gehörte, die Erfahrungen und neuen Ideen, die unterschiedlichen Blickwinkel und Sichtweisen haben eines auf jeden Fall deutlich gemacht:
Die (OI-) Jugend ist lebenshungrig und voller Perspektive!

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