Zwischen Jungfernstieg und Reeperbahn Tagebuch zum OI-Jugendwochenende 2005 in Hamburg, 30.09.05 - 03.10.05
Artikel erschienen im Durchbruch 01 / 2006
Das Erlebnis "JuWe-Hamburg" begann an einem sonnigen Herbsttag im Stadtteil Altona, in der Nähe der Musical-Halle "Neue Flora". Das vollständig behindertengerecht eingerichtete Stadthaus-Hotel bot leider nicht genug Räume, um die unerwartet hohe Teilnehmerzahl aufzunehmen, so dass Marit als Gruppenleiterin und Ingwer ihre Zimmer im Ibis-Hotel St. Pauli, direkt auf der Reeperbahn beziehen mussten.

- Der Hafen in der Abenddämmerung
Nachdem wir alle unseren Weg von den Hamburger Bahnhöfen oder vom Flughafen zur Unterkunft gefunden hatten, stürmten wir das Café Max B, welches direkt neben dem Stadthaus-Hotel liegt. Die 16-köpfige Gruppe bestehend aus neun Betroffenen, sechs Begleitpersonen einschließlich Marit sowie Willy Hagelstein, dem ersten Vorsitzenden des Bundesverbandes als abendlichem Begrüßungsgast, besetzte fast das ganze Café und so nach und nach bekamen wir dann auch alle etwas zum Beißen. Für einige konnte es dabei gar nicht schnell genug gehen. Als alle Teller bis auf den letzten Bissen geleert waren, stand die weitere Planung des noch jungen Abends an. Wir entschieden uns, mit der Bahn zum Hauptbahnhof zu fahren und von da aus zu Fuß entlang der Alster zum Jungfernstieg zu gehen. Marit war mit denen, die nicht so gut zu Fuß waren bereits mit dem Auto vorgefahren und wir trafen die Gruppe wieder im "Alex"-Jungfernstieg, wo sie draußen unter Heizstrahlern saßen und Cocktails schlürften. Die Bedienung war leider nicht mehr bereit, die langsam schwächer werdenden Heizstrahler nachzufeuern, so dass wir nach drinnen gingen und dort einen Tisch am Panoramafenster mit einem wundervollen Blick auf die Binnenalster bei Nacht bekamen.
Irgendwann nach Mitternacht wühlten wir uns dann durch das nächtliche Hamburg, um im Hotel müde aber in großer Vorfreude auf den kommenden Tag ins Bett zu fallen.
Der nächste Morgen begann mit einem ausgiebigen Frühstück, bei dem wir von den zum Teil geistig behinderten Angestellten des Hotels bedient wurden und somit hautnah erleben konnten, wie das gemeinnützige Projekt, das das Stadthaushotel trägt, funktioniert, in dem behinderte Menschen unter einem Dach wohnen und arbeiten.
Nach dem Frühstück war der zweite Vorsitzende des Bundesvorstandes Berthold Hartmann für uns da und hat einen Vortrag über die Struktur des Vereins und die Möglichkeiten der Mitgestaltung gehalten. Die Mit-Organisation dieses Jugendwochenendes war die letzte Amtshandlung von Daniela Silbernagl als Jugendsprecherin der OI-Gesellschaft. Berthold Hartmann und Marit dankten Daniela stellvertretend für ihre aktive Mitarbeit im Verein und wünschten ihr alles Gute für die bevorstehende OP.

- Die berühmte Hamburger Currywurst auf der Mönckebergstraße
Der Regen ließ langsam nach, während wir die Bahn bestiegen, um zu Hamburgs "Tor zur Welt", dem Hafen, zu fahren. Dort wartete am späten Nachmittag ein Schiff auf uns, um uns auf einer Rundfahrt einen Eindruck von der Größe des Hafengebiets zu vermitteln. Da aber vorher noch etwas Zeit blieb, nutzten wir die Gelegenheit, uns den alten Elbtunnel anzusehen. Beeindruckt von der fast 100 Jahre alten Konstruktion, mit der noch heute täglich Pkws die Elbe unterqueren können, indem sie über riesige Aufzüge nach unten und am anderen Ende wieder nach oben transportiert werden, entschieden wir uns, ihn zu Fuß zu durchqueren. Einige Unermüdliche erkannten in der schnurgeraden Tunnelröhre eine ideale Rennbahn für Rollstühle. Auf der anderen Seite angekommen, konnten wir von einem kleinen Aussichtspunkt aus den Postkartenblick auf die Hamburger Skyline fotografieren.
Gegen Mittag verließen wir trotz typischem Hamburger Nieselwetter in kleineren Gruppen das Hotel und erforschten Hamburg auf eigene Faust. Unsere Gruppe bestehend aus immerhin neun Teilnehmern, fuhr mit der Bahn zum Hauptbahnhof, um sich von dort aus durch die Mönckebergstraße erstmal bis zu den berühmten Currywurst-Buden an der U-Bahn-Station Mönkebergstraße durchzukämpfen und da eine sehr teure, aber eben so leckere Wurst zu genießen. Unser nächstes Ziel sollte ein Second-Hand-Laden sein, der zwar wohl vergleichsweise günstig, aber trotzdem für uns unbezahlbar gewesen wäre, denn dort kann man die Mode der weltweiten Laufstege der letzten Saison bekommen. Trotz intensiver Suche in den Nobelgassen zwischen Jungfernstieg und Rathaus, wurden wir leider nicht fündig.

- Eine Schifffahrt die ist lustig...
Vom alten Elbtunnel gingen wir dann direkt zu den St. Pauli-Landungsbrücken, wo bereits der Rest der Gruppe bei dem Rundfahrtschiff auf uns wartete.
Eine Stunde lang erhielten wir einen Einblick in die vielen Seiten des Hamburger Hafens. Wir sahen die Köhlbrandbrücke und die Docks der Werft Bloom & Voss, fuhren zum Greifen nahe an riesigen Containerschiffen vorbei und lauschten gespannt dem Seemannsgarn des Kapitäns.
Als wir alle wieder festen Boden unter den Füßen hatten und die Grünangelaufenen ihre natürliche Farbe zurück hatten, verabredeten wir den nächsten Treffpunkt in einem Restaurant in der Nähe des Hotels. Ein kurzer Blick in den Stadtführer, um eine rolligerechte Bahn-Route zum Hotel zurück zu finden und schon konnte es losgehen. Bis zur S-Bahn Sternschanze lief auch alles gut. Der eine Teil der in zwei Waggons aufgeteilten Gruppe wunderte sich zwar noch kurz über die unerwartet hohe Stufe zum Bahnsteig, stieg dann aber aus - ohne jedoch zu bedenken, dass Nicole mit ihrem E-Rolli in dem anderen Wagen unmöglich hier aus der S-Bahn aussteigen konnte. Wir also draußen, die andere Hälfte im Zug. Schnell eilte ein Ehepaar auf uns zu und sagte uns, dass es hier zusätzlich zur hohen Stufe auch keinen Aufzug geben würde. Lange Gesichter machten sich breit, während die anderen im Zug mittlerweile wieder abgefahren waren. Ein genauerer Blick auf den Stadtführer und eine etwas andere Interpretation der Zeichen führte uns jetzt vor Augen, wie es gemeint war: U-Bahn-Sternschanze war rolligerecht, die S-Bahn leider nicht. Da ein telefonischer Kontakt zu der weggefahrenen Gruppe nicht möglich war, entschieden wir uns mit der Bahn zum Hauptbahnhof zurückzufahren, um dort in eine andere Linie umzusteigen. Dort angekommen standen wir nun vor einem Aufzug, der außer Betrieb war. Wie es dem Rest der Gruppe ergangen war, wussten wir immer noch nicht. Zum Glück war dank ausreichender Begleitung und leichter Rollstühle die Treppe kein unlösbares Problem. Nach einer ausgiebigen Toilettenpause (bei einer Rollitoilette für vier Bedürftige dauert das unerwartet lange), machten wir uns nun auf den Weg zum Restaurant Feuervogel. Dort trafen wir dann auch auf die an der Station Sternschanze verloren gegangene Gruppe, die einen längeren Fußmarsch hinter sich hatte, aber wohlbehalten angekommen war.
Über das ganze Wochenende zeigte sich die Rolligerechtigkeit der öffentlichen Verkehrsmittel in Hamburg nicht von ihrer besten Seite. Dennoch haben alle diese Herausforderung erfolgreich bewältigt und nehmen viele neue Erfahrungen im Umgang mit öffentlichen Verkehrsmitteln mit nach Hause.
Nach einem köstlichen Abendessen machten wir uns nun alle auf, verteilt auf Pkws und öffentliche Verkehrsmittel, zum Planetarium, um uns dort eine Lasershow mit dem Titel "Space Night II" anzusehen. Die Gruppe, die mutig die öffentlichen Verkehrsmittel nutzte, kam zwar diesmal ohne nennenswerte Zwischenfälle bis zur nahe gelegenen U-Bahn-Station, begab sich dann jedoch auf unheimlichen Wegen durch den finsteren Stadtpark. Wir waren noch nie so dankbar, einen E-Rolli dabeizuhaben, wie in jenem Augenblick. Nicoles Scheinwerfer gaben uns zumindest etwas Licht, sonst hätte man seine eigene Hand nicht vor Augen sehen können; es war unbeschreiblich. Mit dem spärlichen Licht unserer Handys versuchten wir Wegweiser so weit zu beleuchten, dass wir uns zumindest etwas orientieren konnten. Als dann von hinten auch noch fremde Schritte zuhören waren, aber außer dem Glühen einer Zigarette niemand zu sehen war, erreichte unsere Anspannung ihren Höhepunkt. Wie sich einen Moment später herausstellte, gehörte die Zigarette zu einem mehr oder weniger stark angetrunkenen Herrn, der links und rechts nicht mehr verlässlich auseinander halten konnte, uns aber per Fingerzeig trotzdem zielsicher den Weg zum so sehnsüchtig herbeigewünschten Planetarium zeigen konnte, welches wir Punkt 22 Uhr in aller letzter Sekunde erreichten.
Dort erlebten wir eine schöne, entspannende Show. Es ging nicht um wissenschaftliche Fakten, sondern mehr darum, sich der Lasershow in Verbindung mit den Klängen der Musik und den beeindruckenden Bildern unseres Universums hinzugeben.
Da wir den Rückweg gemeinsam mit den Autofahrern antraten, gingen wir diesmal auch auf dem offiziellen, hell ausgeleuchteten, sehr breiten Weg zurück zur Straße und sahen, wo wir auf dem Hinweg hätten anders gehen müssen. Von da ging es dann direkt zur U-Bahn-Station und zurück ins Hotel ins Bett.

- Max, Daniela und Rouven (v.l.) entspannen in der Speicherstadt
Am Sonntagmorgen begrüßte uns das zuvor so heftig kritisierte Hamburger Wetter mit strahlendem Sonnenschein. Trotz der Verlockung nach dem verregneten Tag gestern nun heute die Stadt zu erkunden, setzten wir uns nach dem Frühstück alle zusammen und hörten gespannt Marits Vortrag zum Thema "Selbständiges Wohnen - welche Hilfen gibt es?" (über die gesetzlichen Rahmenbedingungen des SGB IX und dessen Auswirkungen auf die Gestaltung unseres Alltags). In der anschließenden Diskussion konnten alle Teilnehmer persönliche Erfahrungen austauschen und Fragen zu eigenen Problemen stellen. Danach referierte Nicole Vorberg gemeinsam mit ihrer Assistentin Julia zum Thema Assistenz. Sie schafften es, uns sehr lebhaft und mit vielen Anekdoten gespickt zu zeigen, wie schwierig es sein kann, zum eigenen Recht zu gelangen und welche interessanten Konstellationen es bei der Thematik geben kann. Es wurden Fragen und Probleme aller Teilnehmer erörtert und Nicole konnte hilfreiche Tipps zur Finanzierung, Bewerberauswahl und zum Tagesablauf geben.
Für den Nachmittag war ein Besuch des Miniatur-Wunderlandes, der weltgrößten digitalen Modelleisenbahnausstellung in der Hamburger Speicherstadt, geplant. Eine kleine Gruppe schaffte es vorher noch, einen Blick in Hamburgs Wahrzeichen, die St. Michaelis-Kirche - kurz Michel - zu werfen. Im Miniatur-Wunderland war es erwartungsgemäß sehr voll. Trotzdem haben alle die, die ihre Chance wahrnehmen wollten, auch einen schönen, beeindruckenden Aufenthalt gehabt.
Nach dem Besuch dort schafften einige es immerhin noch kurz ins Hotel, um sich frisch zumachen, andere fuhren direkt zum vermeintlichen Höhepunkt des Wochenendes: auf die Reeperbahn. Kaum angekommen an der U-Bahn-Station St. Pauli, drückte bei uns Rollis auch schon wieder die Blase. Da wir keine andere Möglichkeit sahen, schilderten wir unsere Situation einer freundlichen Mitarbeiterin im Operettenhaus, die uns dann erlaubte dessen Rollitoilette zu benutzen. Wir sorgten für etwas Aufsehen bei den Besuchern des ABBA-Musicals "Mamma-Mia", da wir während der Pause ihrer Vorstellung, nacheinander durch einen Seiteneingang über den Flur huschten.
Weiter ging unsere Reise dann ganz zum anderen Ende der Reeperbahn zum Restaurant Schweinske, wo wir mit dem Rest der Truppe zum Abendessen verabredet waren. Es war eine gesellige Runde, in der sehr viel gelacht wurde.

- Auch dies wäre überstanden!
Gegen Mitternacht machten sich Julia und Cornelia dann auf in die "Große Freiheit", um zu versuchen, einen Tisch im Dollhouse zu reservieren, und zwar für 11 mutige Teilnehmer, davon 6 Rollis. Eigentlich ein unmögliches Unterfangen sollte man denken. Wir warteten im Schweinske, machten uns jedoch keine Hoffnungen. Nach einiger Zeit kamen die beiden strahlend wieder und berichteten, dass sie eine Tischreservierung für 1.30 Uhr bekommen hatten. Wie sie das geschafft haben, ist uns bis heute ein Rätsel...
Nach einem ausgiebigen Bummel über die Reeperbahn, ließen wir uns also im Dollhouse nieder und genossen die Darbietungen der Tänzerinnen und Tänzer, die sich sehr gut auf die besondere Situation mit uns einstellten. An dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön an den Türsteher des Dollhouse, der unser persönlicher Mann des Abends wurde! Ohne seine unkomplizierte Hilfe, wären wir da niemals rein gekommen. Zum Abschied machte er sogar Gruppenfotos von uns vor der Eingangstür des Dollhouse.
Natürlich war der Abend damit noch nicht beendet, eine weitere Runde über die Reeperbahn und ihre Nebenstraßen endete wieder im Schweinske.
Am kommenden Morgen herrschte Aufbruchstimmung, was uns aber nicht davon abhielt, noch schnell die Fotos von der letzten Nacht rumzuzeigen. Nach dem Frühstück und der Verabschiedung durch Marit machten sich alle mehr oder weniger müde, aber begeistert von einem erfahrungsreichen Jugendwochenende in Hamburg auf den Heimweg.
Wir freuen uns schon alle auf ein Wiedersehen in Erfurt im Oktober 2006.
![[Symbol: Logo der Deutschen Gesellschaft für Osteogenesis imperfecta-Betroffene e.V.]](http://www.oi-gesellschaft.de/images/oi_logo.gif)

