Keine Angst vor kleinen (OI) -Kindern
"Keine Angst vor kleinen Kindern!" An diesen Satz aus meiner ersten Pädiatrieunterrichtstunde kann ich mich noch gut erinnern.
In meiner mehrjährigen intensiven Berufspraxis mit Kindern konnte ich auch diese Angst, an den kleinsten der Kleinen etwas kaputt
zu machen, vollständig ablegen. Bis ich erfuhr, dass ich ein Kind mit Glasknochen in die Therapie aufnehmen sollte! Da war sie wieder,
diese Angst vor kleinen Kindern.
Ich versuchte, Informationen übers Internet zu erlangen und fand auch relativ schnell die Website der Gesellschaft für Osteogenesis imperfecta
Betroffene. Dort erhielt ich über Karl Henn auch schon bald einen Packen voll schriftlicher Informationen zum Thema.
Theoretisch gut gerüstet, ging ich zum ersten Termin. Dort fand ich eine mit allen Einzelheiten über die Erkrankung ihrer Tochter
informierte Mutter vor, die meine theoretischen Kenntnisse schnell winzig klein aussehen lies. Offensichtlich war das aber kein Problem,
denn vermutlich sind die meisten Mütter OI -betroffener Kinder Spezialistinnen auf dem Gebiet.
Dazu kam ein selbstbewusstes 2 ½ -jähriges Mädchen, das mit deutlicher Stimme sehr genau ausdrücken konnte, was ging und was ich
lieber unterlassen sollte. Eine pädagogisch etwas merkwürdige Situation, aber gerade dadurch konnte ich mich relativ schnell mit der
neuen Situation arrangieren, denn die große Sicherheit, die von Mutter und Kind auszugehen schien, hatte auch mich bald erreicht.
Als nach einigen Wochen Katharina erklärte, dass ich sie hochheben und ausziehen dürfe, was ich nach genauer Beobachtung der Mutter
irgendwann forsch einfach selber in Angriff genommen hatte, machte mich das dennoch stolz, denn auch diese nachträgliche
Einverständniserklärung von Seiten Katherinas zeigte mir, dass ich mich auf dem richtigen Weg befand.
Im großen und ganzen verläuft die krankengymnastische Therapie mit Katharina nun sehr gut, bis auf einige Motivationsprobleme,
wovon wohl alle Dauerpatienten dann und wann beschlichen werden. Die große Willenskraft, die von so einem kleinen OI -Kind ausgeht,
läuft natürlich wie alle starken Energien mal in die eine, mal in die andere Richtung. Hier sind oftmals Einfallsreichtum und
Fingerspitzengefühl gefragt und immer wieder komme ich als Krankengymnastin an meine pädagogischen Grenzen!
Fairerweise muss ich aber zugeben, dass vor allem der starke Wille der kleinen Katharina immer wieder zu den guten
Therapieerfolgen führt und sie sich letztlich doch immer für den Weg entscheidet, der sie nach vorne bringt und nicht in eine Sackgasse führt.
Ich kann dabei nicht viel mehr tun, als sie so gut wie möglich zu begleiten.
Ihr immer wieder neue Bewegungs- und Wahrnehmungsangebote zu verschaffen, mich gemeinsam mit ihr auch an neue "Abenteuer" heranzuwagen,
die neu entdeckten Bewegungen dann auch zuzulassen, den Mut zu haben, sie selbst experimentieren zu lassen, das
sehe ich als meine Hauptaufgabe! In jedem Fall ist die Arbeit mit Katharina eine Bereicherung für mich und ich
kann nur allen KollegInnen, die mit Kindern Erfahrung haben und ein Kind mit OI in die Therapie aufnehmen sollen, dazu
raten, die Herausforderung anzunehmen und immer daran zu denken: "Keine Angst vor kleinen (OI) -Kindern!"
![[Symbol: Logo der Deutschen Gesellschaft für Osteogenesis imperfecta-Betroffene e.V.]](http://www.oi-gesellschaft.de/images/oi_logo.gif)



